Lexikon

Sozialisation

(von lat. sociare: verbinden) wird allgemein der Prozess der Einordnung des Einzelnen in die Gemeinschaft verstanden. Bei der Aneignung von und Auseinandersetzung des Individuums mit seinen angeborenen Anlagen und der sozialen und physikalischen Umwelt spielen beabsichtigte (Erziehung) wie unbeabsichtigte Faktoren eine Rolle. Von einer »gelungenen« Sozialisation wird häufig dann gesprochen, wenn das Individuum Verhaltensweisen erwirbt, die es ihm ermöglichen, am sozialen Leben teilzuhaben und an dessen Entwicklung (zum allgemeinen Wohlergehen) mitzuwirken. Neuere Ansätze betonen dabei die aktive Mitgestaltung des Einzelnen am Sozialisationsprozess (sog. Selbst-Sozialisation). Der Sozialisationsprozess ist nicht auf Kindheit und Jugend beschränkt, sondern dauert ein Leben lang an.

Sozialismus

Der Sozialismus entstand als Denkrichtung im 19. Jh. in der kritischen Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus. Seine Ziele bestehen in der Beseitigung sozialer Gegensätze, der Errichtung einer solidarischen Gesellschaft und der Entwicklung einer gerechten, nicht-kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Um dies zu erreichen, sollen Produktionsmittel verstaatlicht und das Privateigentum an ihnen verboten werden. 

Sozialpsychiatrie

ist ein Teilbereich der Medizin, der sich mit der Erkennung und Behandlung von geistigen und psychischen Störungen befasst. Die Sozialpsychiatrie betrachtet vorwiegend soziale Ursachen von psychischen Störungen. In der Behandlung der seelischen Erkrankung wird dem familiären und gesellschaftlichen Umfeld eines Patienten dabei besondere Aufmerksamkeit  gewidmet.

Sozialvertrag

oder Gesellschaftsvertrag ist eine Art Gedankenexperiment, wonach jedermann im Staat diesem freiwillig Macht übertragen hat, damit dieser die Handlungsfähigkeit und Freiheit seiner Bürgerinnen und Bürger gewährleisten kann.

Soziologie

(lat. socius: Gefährte) ist eine Wissenschaft, die das menschliche Zusammenleben in Gemeinschaften und Gesellschaften theoretisch wie empirisch erforscht. Sie fragt z. B. danach, welche Werte den Handlungen von Menschen zugrunde liegen, wie Menschen miteinander kommunizieren oder welche Bevölkerungsgruppen besonders von Armut betroffen sind und welche Gründe es hierfür gibt.

Spiritual Care

meint spirituelle Begleitung. Ihr Ziel ist, geistig-seelische Schmerzen zu lindern, die vor allem in den Fragen nach Schuld und dem Warum, Wozu und Wohin der menschlichen Existenz gründen. In der Palliativmedizin und Hospizbewegung wird spirituelle Begleitung als unverzichtbar angesehen, weil seelisches und körperliches Leid einander verstärken können. Eine Linderung von seelischem Leid soll somit auch das körperliche Leid erträglicher machen.

Spirituals

nennt man die Lieder der schwarzen Sklaven Amerikas; darin gaben sie ihrer Sehnsucht nach Freiheit Ausdruck. Aus den Spirituals entwickelten sich Anfang des 20. Jahrhunderts die »black gospels«, die oft von einer Jazzband begleitet wurden. Gospelchöre gibt es heute auch bei uns in vielen Gemeinden.

Sprechakttheorie

beschäftigt sich mit der Frage, wie Menschen durch Sprache handeln. Dabei wird zwischen verschiedenen Arten von Sprechakten unterschieden, die sich gleichzeitig in einer Sprechhandlung vollziehen. Bspw. wird durch Laute etwas über etwas außerhalb der Sprache Liegendes ausgesagt, womit i. d. R. bestimmte Absichten verbunden sind. Zugleich wird explizit oder implizit mitgeteilt, welche kommunikative Funktion der Sprechakt hat: Soll z. B. etwas behauptet oder festgestellt werden oder wird gewarnt? Dass mit dem Sprechen auch etwas direkt »bewirkt« wird, wird in bestimmten Fällen besonders deutlich: Durch Sprache »vollzieht« sich etwas (engl. to perform), wie z. B. das Ja-Wort bei der Eheschließung und im religiösen Bereich das Taufen und das Segnen. Man spricht dann von performativen Äußerungen bzw. Sprechakten.

Sprechmotette

ist eine Methode zur kreativen Auseinandersetzung mit Texten, bei der aus dem vorgegebenen Wort- und Satzmaterial ein neuer – mehr-stimmiger – Sprech-»Text« gestaltet wird. Durch diese Methode kann man z. B. auf Typisches oder Widersprüchliches oder auf versteckte Zusammenhänge im Text aufmerksam werden bzw. eigene Verstehensmöglichkeiten zum Ausdruck bringen. Im Gegensatz zum vorab geplanten und ausgearbeiteten Texttheater wird die Sprechmotette mehr oder weniger spontan gestaltet.

SSW

Schwangerschaftswoche; die frühere Zählweise von Schwangerschaftswochen, die von dem Zeitpunkt der (vermuteten) Befruchtung ausgeht und in der Regel bei Gesetzestexten vorliegt, wird in Deutschland zunehmend durch eine Zählweise abgelöst, die ab dem ersten Tag der letzten Periodenblutung rechnet.

Standesethik

ethisches Nachdenken, das sich auf einen bestimmten Berufsstand bezieht und dessen Handeln, dessen Werte und Normen in den Blick nimmt, z. B. ärztliche oder journalistische Ethik.

Stanfordexperiment

Bei diesem Experiment an der Stanford-Universität (1971), das auch durch den Spielfilm »Das Experiment« bekannt geworden ist, wurde eine Gruppe von Probanden nach dem Zufallsprinzip in Wärter und Gefangene aufgeteilt und einer simulierten Gefängnissituation ausgesetzt. Binnen kürzester Zeit passten sich beide Gruppen ihrer Rolle an. Die Wärtergruppe entwickelte autoritäre und sadistische Verhaltensweisen und die Situation eskalierte derart, dass das Experiment abgebrochen werden musste. Das Experiment ist inzwischen nicht nur in ethischer Hinsicht, sondern auch in Bezug auf die Wissenschaftlichkeit seiner Methodik umstritten, da möglicherweise Einfluss auf die Wärter genommen wurde und Zimbardo selbst als Versuchsleiter die Rolle des Gefängnisdirektors übernommen hatte.

Star

(engl. star: Stern)ist die Bezeichnung für einen Menschen, der aufgrund seiner Leistungen auf einem bestimmten Gebiet besonders berühmt ist und dem eine besondere öffentliche bzw. mediale Aufmerksamkeit zuteil wird. Insbesondere Musik-, Film- und Theaterkünstler/innen werden als »Stars« bezeichnet, aber auch herausragende Sportler/innen. Aufgrund der häufigen Verwendung des Begriffs finden sich inzwischen Steigerungsformen wie Super- und Megastar. Hinter jedem »Star« steht meist eine erfolgreiche Vermarktungsstrategie des »Images« des/der Prominenten.

status confessionis

meint, dass es hier um entscheidende Fragen geht, bei denen der eigene Glaube auf dem Spiel steht, also einen Bekenntnisnotstand.

Steffensky, Fulbert

(*1933), war zunächst Benediktinermönch; 1969 konvertierte er zum evangelisch-lutherischen Bekenntnis und heiratete die Theologin Dorothee Sölle. Mit ihr gründete er 1968 das »Politische Nachtgebet« in Köln. Von 1975 bis 1998 war er Professor für Religionspädagogik in Hamburg.

Stereotyp

(von griech. stereos: fest, typos: Gestalt) bezeichnet auf eine soziale Gruppe bezogene, stark verfestigte Ansichten. Den Mitgliedern werden unisono bestimmte Eigenschaften, Fähigkeiten und Handlungsweisen zu- oder abgesprochen, was Abgrenzung oder umgekehrt Identifikation erleichtert, zumal das Stereotyp immer emotional (positiv oder negativ) aufgeladen ist. Die Abgrenzung zum Klischee ist z. T. kaum möglich. Gängige Stereotype sind z. B. das Klischee des fleißigen Deutschen oder des höflichen Engländers.

Stoiker

sind Philosophen, die in Einheit mit sich und der Natur leben wollen und alles ablehnen, was gegen die Vernunft ist.

Storyboard

Das Storyboard ist die gezeichnete Umsetzung eines Drehbuches. In ihm sind die Vorgaben des Regisseurs und des Kamera­manns zu allen Filmszenen skizziert, damit beim Dreh nichts dem Zufall überlassen bleibt. Es hält z. B. die Größen des Bildausschnittes, die Blickwinkel oder auch Bewegungen der Schau­spieler fest.

Stosch, Klaus von

(*1971) ist ein deutscher römisch-katholischer Theologe und Hochschullehrer für Systematische Theologie. Zusammen mit Mouhanad Khorchide hat er unter anderem ein Buch über Jesus im Koran verfasst.

Strawinsky, Igor

(*1882 in Russland, † 1971 in den USA), ist einer der bedeutendsten modernen Komponisten. Er schrieb Opern, Chorwerke, Ballette, Orchester- und Klaviermusik, darunter auch das Ballett »Le sacre du printemps« (Die Frühlingsweihe).

Stuttgarter Schulderklärung

wird die Er­klärung führender Vertreter der Bekennenden Kirche genannt, die das Versagen der evangelischen Kirche während der NS-Zeit zum Aus­druck bringen sollte. Sie wurde am 19. Oktober 1945 verlesen. Darin heißt es: »Durch uns ist unendliches Leid über viele Länder und Völker gebracht worden. [...] Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewalt­regi­ment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.« Obgleich hier eine eigene Schuld nur relativ vorsichtig angedeutet wird, löste die Veröffentlichung in Deutschland Empörung und Ablehnung aus.

Subhanallah

(arab.) ist ein Lobpreis Gottes. Im Alltag von Muslimen wird damit Erstaunen ausgedrückt und an die Überlegenheit des Schöpfers erinnert.

Sukkot (Laubhüttenfest)

Das Laubhüttenfest, bei dem Juden in selbstgebauten provisorischen Hütten wohnen, durch deren Dach man den Himmel sieht – zur Erinnerung an die Zeit der Wüstenwanderung und als Zeichen dafür, dass das Leben unsicher und »in Bewegung« ist und dass die Menschen auf Gottes Güte angewiesen sind. Das Fest ist zugleich Erntedankfest (v. a. Obst und Wein). Am letzten Tag wird Simchat Tora, das Fest der Torafreude, gefeiert.

Sunniten und Schiiten

sind weltweit die beiden Hauptrichtungen im Islam. Die Sunniten, welche zahlenmäßig die große Mehrheit bilden (fast 90 Prozent; in manchen Ländern, v. a. Irak, sind allerdings Schiiten in der Mehrzahl), nehmen neben dem Koran auch die Sunna (die mündliche Überlieferung von Leben, Wirken und Aus­sprüchen Muhammads) als Glaubensquelle an. Sie erkennen auch die Kalifen als Glaubens­führer an, die nicht der direkten Nachkommen­schaft Mu­ham­mads entstammen. Schiiten akzeptieren hingegen einzig Nachkommen von Muhammads Vetter Ali als religiöse Führer (Imame). Die meis­ten Muslime in Deutschland sind Sunniten; die zweitgrößte Gruppierung bilden die Aleviten.

Susaninne

ist eine schon zu Luthers Zeiten veraltete Bezeichnung für »Wiegenlied«. Die genaue Herleitung ist umstritten.

Sutra

(sanskr.): heiliger Text des Buddhismus. Die ältesten Sutras sind in Pali verfasst, die jüngeren Mahayana-Sutras meist auf Sanskrit.

Sutter Rehmann, Luzia

(* 1960) arbeitet als Professorin für Neues Testament in der Schweiz. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Sozialgeschichte des Neuen Testaments, das Lukasevangelium, die feministisch-befreiungstheologische Exegese und die Apokalyptik. Luzia Sutter Rehmann hat an der Bibelübersetzung »Die Bibel in gerechter Sprache« mitgearbeitet.

Symbol

(griech.: Bild, Sinnbild, Zeichen) Zeichen, Dinge, Worte oder Handlungen, deren Bedeutung über das, was man im ersten Moment sieht oder hört, hinausreicht, nennt man Symbole. Hinter der äußeren, sichtbaren Gestalt eines Symbols gibt es eine andere, unsichtbare Wirklichkeit, die wir nicht mit den Augen, sondern mit dem Herzen wahrnehmen und/oder dem Verstand zu erschließen versuchen. Ein Tisch ist beispielsweise in seiner sichtbaren Gestalt ein Möbelstück, das aus einer Platte und einem oder mehreren Beinen besteht. Er kann aber mehr sein – ein Treffpunkt, wo sich die Familie und Freunde versammeln, miteinander essen und reden. Für diese Familie ist ihr Esstisch zu einem Symbol für Gemeinschaft geworden. Weil es in den Religionen immer auch um eine Wirklichkeit geht, die man nicht unmittelbar sehen kann, spielen hier Symbole eine besonders große Rolle.